Unified Messaging 2.0

In einer Diskussion während der Session Projektmanagement 2.0 auf dem CollaborationCamp in Essen wurde klar, dass bei der online-Kommunikation vollkommen unterschiedliche Auffassungen darüber herrschen, welcher Kommunikationsweg wie genutzt wird. Tatsächlich problematisch wird das allerdings erst dadurch, dass diese Auffassungen nicht abgeglichen werden.

Der Hintergrund

Die klassischen Wege wie Telefon, Fax und Post transportieren implizit eine Annahme, in welchem Zeitrahmen eine Nachricht angenommen und damit auch weiterverarbeitet wird. Auch ist meistens klar, ob der Empfänger durch den Eingang der Nachricht unterbrochen wird, bei dem was er gerade tut. Aber wie sieht es aus bei z.B. E-Mail, Instant Messaging, Social Networks und Microblogging Diensten? Vom unregelmäßigen E-Mail Abrufen per Webmailer bis hin zu Push-Benachrichtigungen auf dem Smartphone über Erwähnungen in Twitter gibt es eine Bandbreite an unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten und -präferenzen. Auch die Grenzen zwischen den einzelnen Wegen verschwimmen.

Das Problem

Zunächst einmal ist es ja etwas Praktisches, dass jeder sich im Prinzip mittels der passenden Technologien aussuchen und einstellen kann, wie erreichbar sie oder er auf dem jeweiligen Weg sein will, über welche Vorgänge Benachrichtigungen erfolgen sollen. Problematisch wird es jedoch, wenn man bei seinen Kommunikationspartnern einfach davon ausgeht, dass diese die gleichen Medien auch auf die gleiche Art und Weise nutzen. Der eine mag für Facebook-Nachrichten eine Push-Benachrichtigung eingerichtet haben, der andere hat alle Benachrichtigungen ausgeschaltet und schaut alle zwei, drei Tage mal über die Website nach. In der Regel wird man das eigene Nutzungsverhalten auch beim Gegenüber erwarten.

Das Kernproblem sind also diese Erwartungen an Kommunikationsweg und -partner, die in den meisten Fällen aber nicht explizit ausgesprochen werden. So kommt es dann im Extremfall z.B. zu Anrufen mit dem Inhalt: “Hallo, ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass ich dir gerade eine E-Mail geschickt habe. Da steht alles drin. Tschüß.” Klar zu erkennen hier das fehlende Vertrauen in die Benachrichtigung über eingehende E-Mails. Noch komplizierter wird es, wenn Social Networks (wie im vorigen Absatz beschrieben) mit unterschiedlichen Einstellungen und Verhalten genutzt werden.

Die Erkenntnis

Neben eher offensichtlichen Entscheidungen, ob die Kommunikation synchron oder asynchron sein soll, ob das Kommunizierte persistent sein soll und über den Grad der Anonymität, müssten nun auch noch explizit die Erwartungen angegeben werden: Soll der Empfänger unterbrochen werden, in dem was er tut? In welchem Zeitrahmen wird eine Zustellung der Nachricht bzw. eine Reaktion erwartet? Die mir bekannten Social Networks und Kooperativen Systeme unterstützen eine solche Angabe auf der Senderseite nicht. Lediglich auf der Empfängerseite gibt es eine Vielzahl an Einstellungsmöglichkeiten, die sich aber wie beschrieben dem Sender im Regelfall nicht zeigen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, die bevorzugten Kommunikationswege für Nachrichten verschiedener Priorität im Vorfeld separat abzuklären. Was schon zwischen zwei Kommunikationspartnern aufwändig ist, wird bei Nachrichten an mehrere Empfänger zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Die Lösungsansätze

Umso spannender ist das, was Facebook mit der Integration verschiedener Kommunikationskanäle in das überarbeitete Messaging-System der Plattform vor hat – Menschen und Nachrichten, alles dazwischen vermittelt die Technologie nach den persönlichen Wünschen und dem aktuellen Kontext auf Sender- und Empfängerseite. Doch hier wird der Aspekt der Erwartungen an die Kommunikation weiterhin implizit und auf technischer Ebene behandelt.

Wie ich mir so ein Unified Messaging 2.0 vorstelle und ob es dafür eine zentralisierte Verarbeitung wie im Facebook-Modell braucht, werde ich in einem weiteren Post betrachten.

Geschrieben in Mensch-Mensch-Interaktion,Web 2.0 | Tags:
3 Kommentare | Kurzlink

3 Kommentare bisher

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  1. 24. November 2010 um 08:27 Uhr

    Stephan sagt,

    Hallo Stefan,
    das halte ich für eine präzise Betrachtung. Die Folgen der unklaren und uneinheitliche Erwartungen werden unter anderem dadurch deutlich, dass dieses Thema zunehmend in Seminaren zum Thema Stress und BurnOut Prävention auftaucht. Was auch sinnvoll ist. Eine für alle passende Lösung steht jedoch noch aus ;-)
    Ich bin gespannt auf deine Vorstellung vom Unified Messaging 2.0.

    Bleib erfolgreich gesund
    stephan

  2. 28. November 2010 um 20:04 Uhr

    Tina sagt,

    Also mein Xing-Konto ist eigentlich das einzige, das ich nicht zumeist täglich checke … ;-)

    Sehr spannendes Thema, auf dem CollaborationCamp ist der Aspekt von Erwartungshaltungen gegenüber Reaktionszeiten auf diversen Kommunikationskanälen ja noch etwas kurz gekommen, zumindest am ersten Tag. Ich bin sehr gespannt, welche Möglichkeiten da von technischer Seite noch kommen (können), die Zusammenführung von Kanälen auf Facebook scheint mir eine überfällige Idee zu sein. Und ich mag Facebook, aber (fast) ALLES ausgerechnet über den Datensammler Facebook laufen zu lassen, das finde ich dann doch nicht so ganz appetitlich.

    Ich würde auch gern mehr wissen im Hinblick auf Work-Life-Balance und anverwandte Themen – die Reibungs- und Zeitverluste, die das Hin- und Herrichten der Aufmerksamkeit auf verschiedenste Medien mit sich bringt, finde ich persönlich durchaus belastend.

    Ich könnte mitunter problemlos den lieben langen Tag damit zubringen, nur zu reagieren auf Nachrichten, Anrufe, Mails, Facebook-Einträge und -Kommentare, Faxe, SMS, Skype-Unterhaltungen per Chat oder Video und Beiträge in sozialen Medien – zwar irgendwie produktiv, aber doch auch ohne eine fakturierbare Stunde Kernarbeit geleistet zu haben. Und dabei bin ich nicht Kontakterin, ich bin doch Texterin … (Wobei natürlich klar ist, dass man als Freelancer immer auch einen nicht zu vernachlässigenden Teil an Abstimmungs-, Abwicklungs- und Beratungsaufwand hat.)

  3. [...] Pull- zur Push-Kommunikation reibungslos
    funktionieren. Das hat Stefan Wild in seinem Blogbeitrag Unified
    Messaging 2.0 noch einmal schön ausgeführt.
    Deshalb ist es wichtig, dass sich das Projektteam im [...]

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