Interview mit Marco Zehe, zuständig für Barrierefreiheit bei der Mozilla Corporation

Sein Erfahrungsbericht über das iPhone 3GS für blinde Menschen hat Ende der letzten Woche im Web die Runde gemacht. Grund genug für mich, Marco Zehe, um ein Interview zu bitten. Darin verrät er etwas über seinen Job bei der Mozilla Corporation im Bereich Barrierefreiheit und gibt einige essentielle Tipps für Webworker zum Thema Accessibility.

sw4.de:
Erzähl etwas über dich und deine Arbeit.

Marco Zehe:
Ich bin Jahrgang ’73 und habe mich schon immer für Computertechnik interessiert. Das ging irgendwann mit portablen Telespielen los, ging über einen C64 bis hin zum ersten PC. In der Schule hatte ich ab der 3. Klasse einen sprechenden Taschenrechner, mein erstes richtiges Blindenhilfsmittel.  Später kamen dann Hilfsmittel für den PC, die ich dann auch fürs Studium benutzt habe.

Bei Mozilla bin ich zuständig für den Bereich Barrierefreiheit, und dort vorrangig für die Qualitätssicherung. Ich teste also das, was die Entwickler neu einbauen, auf Barrierefreiheit oder tatsächliche Praxistauglichkeit mit assistiven Technologien. Ich gebe Bugreports von Anwendern und Webentwicklern weiter, finde natürlich auch selbst Fehler und arbeite viel als Kommunikationsschnittstelle zwischen der Entwicklung und den Herstellern von Screen Readern usw.

sw4.de:
Bist du von Geburt an blind?

Marco Zehe:
Ja. Ich habe etwas, das sich Retinitis con genita Leber schimpft und ca. 20% aller Geburtsblinden weltweit betrifft. Ca. 8 bis 10 Wochen nach der Geburt hören die Augen auf sich weiterzuentwickeln. Ich sehe den Unterschied zwischen hell und dunkel, kann also auch sehen, ob es Tag oder Nacht ist oder ob in einem Raum das Licht brennt. Ich kenne aber weder Farben noch Kontraste.

sw4.de:
Wie es zu dem Job bei der Mozilla Corporation gekommen?

Marco Zehe:
Ich habe als Communitymitglied angefangen, habe einfach irgendwann angefangen Entwicklerversionen des Firefox zu testen und Bugs einzutragen. Das hat den damaligen hauptsächlichen Entwickler, Aaron Leventhal von IBM, beeindruckt, und nachdem ich einige Zeit so mitgearbeitet habe, erhielt ich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Es ging mit ein paar Telefoninterviews los, und der Rest ist Geschichte. :) Seit Anfang Dezember 2007 arbeite ich fest als Qualitätssicherer für Mozilla.

sw4.de:
Welche Hilfsmittel setzt du bei der Arbeit mit dem Computer ein?

Marco Zehe:
Screen Reader verschiedener Hersteller unter Windows (NVDA, JAWS, Window-Eyes, HAL und System Access), den einzigen unter Linux und dem GNOME Desktop verfügbaren namens Orca, und auch natürlich VoiceOver, den in Mac OS X eingebauten Screen Reader. Dazu nutze ich sowohl am stationären PC als auch am MacBook Braillezeilen zur Ergänzung.

sw4.de:
Dein Erfahrungsbericht zum Umgang mit dem Apple iPhone 3GS ist ja – nicht zuletzt durch den Artikel im Heise Newsticker – sehr oft gelesen worden. Ich war überrascht, dass das iPhone mit dem Touchscreen Interface überhaupt für Blinde in Frage kommt, aber wie das funktioniert hast du ja sehr anschaulich beschrieben. Wie waren die anderen Reaktionen?

Marco Zehe:
Von erstaunt über erfreut bis hin zu absolut fassungslos war alles dabei. Besonders gefreut hat mich, dass so viele deutschsprachige Mac- und iPhone-zentrierte Blogs und Newsseiten das Thema aufgegriffen haben. Von so vielen verschiedenen Quellen hatte ich noch bei keinem Blogeintrag Pingbacks erhalten. Dadurch wurde der Artikel ziemlich weit gestreut und das Thema einer sehr breiten Öffentlichkeit vorgeführt. Wie man an einigen Kommentaren in meinem Blog ersehen kann, hat das auch schon einige Entwickler von iPhone-Anwendungen erreicht, und es kamen Nachfragen. Wenn daraus irgendwann die eine oder andere von Beginn an mit VoiceOver kompatible Anwendung resultiert, freut mich das riesig!

sw4.de:
Für Webworker, die sich nicht von sich aus schon intensiv mit der Materie beschäftigt haben, ist das Thema Accessibility oft sehr abstrakt. Und nicht immer gibt es der Kundenauftrag her, die nötige Zeit darauf zu verwenden. Kannst du außer “Alternativ-Texte für alle Bilder” Tipps geben, wie man mit wenig Aufwand zumindest ein Minimum an Zugänglichkeit erreichen kann?

Marco Zehe:
Ein paar wesentliche Dinge:

  1. Labels mit Inputs verknüpfen. Also Label-Elemente mit dem for-Attribut und entsprechend zugeordnete Inputs. Es gibt nichts schlimmeres als nicht eindeutig zuordnbare Inputfelder.
  2. Eine sinnvolle Headingstruktur. Bevor man <div>…</div> schreibt und das mit irgendwelchen CSS-Formatierungen versieht, sollte man doch lieber H1 bis H6-Elemente verwenden, da können Screen Reader wesentlich mehr mit anfangen.
  3. Redundanzen vermeiden. Will man eine Navigation mit grafischen Links anbieten, braucht man keine Textalternative zusätzlich einzubauen, wenn man die Grafiken vernünftig mit alternativen Texten versieht. Die Grafiken sieht der Blinde eh, und es gibt nichts frustrierendes als redundante Infos.
  4. Apropos alternative Versionen: Bitte KEINE alternativen Versionen von Sites, die “text-only” sind. Das zu pflegen bedeutet immer einen Heidenaufwand und garantiert, dass die Nur-Text-Version irgendwann nicht mehr aktuell ist.
  5. Flash vermeiden oder nur gezielt und dann barrierefrei einsetzen. Es gibt soviel Flash-Müll im Netz, der zwar irgendwie wichtig, aber überhaupt nicht barrierefrei ist, dass es echt frustrierend ist, manche Seiten anzusurfen.

sw4.de:
Gibt es bei Website Accessibility Dinge, die dich nerven, weil sie besonders häufig vorkommen und / oder sehr leicht zu vermeiden wären?

Marco Zehe:
Ein bisschen das, was in der Liste oben steht. Vor allem nicht beschriftete Grafiken, nicht mit vernünftigen Labels versehene Inputs, nicht barrierefreies Flash. Gerade die ersten beiden Dinge sind wirklich leicht vermeidbar.

sw4.de:
Wenn ich einen Screenreader einschalte, habe ich erst einmal nur damit zu tun, mich darauf einzustellen. Aber das ist für dich ja kein Hinderniss, sondern auf den Aufbau der Seite kommt es an. Wie können Sehende die Zugänglichkeit am besten testen?

Marco Zehe:
Dazu habe ich mal einen englischsprachigen Artikel verfasst, in dem ich eine kurze Einführung in die Benutzung des Screen Readers NVDA gebe: http://www.marcozehe.de/articles/how-to-use-nvda-and-firefox-to-test-your-web-pages-for-accessibility/

sw4.de:
Gibt es in der Hinsicht etablierte Verfahren, wie du z.B. auch mit den Kollegen bei Mozilla zusammen arbeitest?

Marco Zehe:
Nein, etablierte Verfahren gibt es nicht. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass man schon nach dem Lesen von ein bisschen Lektüre auch als Sehender mit einem Screen Reader zumindest soweit kommt, dass man sich ein ungefähres Bild machen kann. Die Kollegen gerade in der Webentwicklung nutzen bei Mozilla die Screen Reader immer häufiger, um eigene Implementierungen zu testen, bevor sie an mich herantreten. Sie lernen dabei natürlich sehr viel über ihre Seiten und auch eventuelle Fehler, wenn ihnen die Sprachausgabe nämlich irgendwelchen unverständlichen Mist erzählt. :)

sw4.de:
Letzte Frage: Erkennen Screenreader eigentlich Emoticons oder hörst du dann wirklich “Semikolon, Bindestrich, Klammer zu”?

Marco Zehe:
Das kommt immer auf die Emoticons an. Solche die in reiner Textform auftauchen, werden teilweise durch Einträge im Aussprachewörterbuch bei den verschiedenen Screen Readern richtig gelesen, oder sie werden eben als Satzzeichenkombinationen vorgelesen. Grafische Emoticons werden, sofern vernünftige Alternativtexte da sind, eben so vorgelesen, wie es der alternative Text vorgibt, entweder eben auch als Satzzeichen (ggf. umgewandelt durch Wörterbucheinträge) oder als Klartext, wenn dieser hinterlegt ist.

sw4.de:
Vielen Dank für das Interview.

3 Comments

  1. » Sehr lesenswert: Interview mit Marco Zehe auf sw4.de Stan’s Blog - Gedanken und Ereignisse · 28.08.2009

    [...] Stelle geben. Marco Zehe ist Qualitätsbeauftragter bei der Mozilla Corporation und Stefan Wild interviewte ihn über seine Aufgabe. Darin gibt er auch einige essentielle Tipps. Das könnte für Webdesigner [...]

  2. Stefan Wild · 18.08.2009

    Vielen Dank für den Hinweis – habe Fangs gerade installiert und getestet. Das ist sicher noch ein Stück realistischer als Lynx, und für Sehende sicher leichter zu nutzen als ein echter Screenreader.

  3. Maxx Hilberer · 14.08.2009

    danke für das Interview. Für Webentwickler kann es kaum bessere Anleitungen zur barrierefreien Optimierung geben, als die von tatsächlich Betroffenen.
    In meiner Bemühung um barrierearme Webentwicklung hat sich ein kleines Firefox Addon bewährt, das zwar nicht 100%ig den Eindruck eines Screenreaders vermitteln kann, aber für einen schnellen Überblick immer gut funktioniert, da die meisten (richtigen) Screenreader (zum Testen) nur als limitierte Testversionen zu haben sind: Fangs. http://www.standards-schmandards.com/projects/fangs/

    viel Spaß beim Testen
    Maxx

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